Die ,,Rostige Orchidee 1998" und die Firma Villiger

Ausführungen zur Verleihung des Preises "Rostige Orchidee 1998"

Werbung ist ein nicht wegzudenkendes Element unserer Wirtschaft. Werbung ist gewissermaßen die Visitenkarte eines Unternehmens.

So ein fahrradproduzierendes Unternehmen stellt sich dabei aber, anders als einige PKW-Hersteller ihre Philosophie in der Fernsehwerbung ausbreiten, in aller Regel weniger selber vor, als vielmehr seine Produkte.

Und was verbreitet man so über seine Produkte? Zunächst einmal gewiß nichts Schlechtes und darüber hinaus deren Vorzüge gegenüber anderen, wenn auch ungenannten, Machwerken der Konkurrenz.

Da darf dann ein Fahrrad keine lahme Ente sein. Das gute Stück muß vielmehr durchschlagenden Erfolg haben, beim Verkauf wie bei der Benutzung.

Und da die Konkurrenz in aller Regel mehr oder weniger intensiv ,,fetzt", hat sich unser Preisträger, die Firma Villiger wohl einfach von ihrem externen oder internen Werbepartner mitreißen lassen.

,,Damit es nicht zu besinnlich wird, legt uns die Natur Steine in den Weg. Power ist, wenn es trotzdem weitergeht abseits der Straßen und Konventionen" heißt es in der Werbung.

Wäre das alles nur ein ungelesener betriebsinterner Aushang zum morgendlichen Aufreißen der Villiger-Mitarbeiter, wäre die Sache leicht zu vergessen. Zudem bekundet die Firma Villiger glaubhaft, sie wirke intern umweltfreundlich und gebe jedem Fahrrad eine Gebrauchsanweisung mit ökologisch verträglichen Verhaltensregeln für den Nutzer auf den Weg.

Was die Firma Villiger, der wirklich kaum etwas Übles zu unterstellen ist, dafür wohl umsomehr übersieht, ist, daß der Leserkreis ihrer Verhaltensregeln weit geringer ist, als ein ganz anderer.

Tatsächlich nämlich werden nicht die Verhaltensregeln, sondern die Werbung von viel mehr Lesern wahrgenommen und das mit verschiedenen Folgen:

  • Da gibt es solche Leser, die tatsächlich glauben, man könne mit einem Fahrrad machen, was die Werbung hergebe. Villiger bestreitet das in unserem Falle vehement. Also Vorsicht, liebe unbesinnliche - besser: unbesonnene - ,,schwarze Schafe" abseits der Wege und Konventionen!
  • Dann sind da jene, die sich über derlei Werbungen und die schwarzen Schafe ärgern, weil man es auch besser machen kann und weil Werbung und schwarze Schafe Vorurteile, nicht aber das Fahrradfahren fördern.
  • Denn schließlich gibt es viele Leser, die glauben, schwarze Schafe und mißratene Werbung repräsentierten die gesamte Branche. Aber woher sollen diese Leser auch eines Besseren belehrt werden, wenn keiner, weder ADFC noch Bund Deutscher Radfahrer, auf das Gegenteil aufmerksam machen?
  • Genau das tun wir nun zum ersten Mal und, so bleibt zu hoffen, in deutlicher Form.

    Die ,,rostige Orchidee" ist ein Zeichen dafür, daß eine bestimmte Werbung besonders zur Korrosion des Verhältnisses Mensch zur freien Natur beiträgt.

    Solche Korrosion führt zum Verlust gegenseitigen Einfühlungsvermögens.

  • Das kann dem einzelnen Radler nicht oder der einzelnen Radlerin nicht recht sein.
  • Das kann auch dem wochenendweise radtourenfahrenden und -führenden ADFC nicht recht sein.
  • Und so mancher Paragraph schlägt völlig unnötig auf jene nieder, die als Sportvereine unter nach wie vor mißtrauischen Blicken einiger Forst- und Naturschutzbehörden Volksradfahren veranstalten.
  • Vorurteile und schlechte Informationen, auch vermittelt durch schlechte Werbung, das sind einige wesentliche Ursachen für Bürokratie und Fahrradhindernisse der besonderen Art, als ob es nicht schon genug ,,normale" und alltägliche Hindernisse gäbe.

    Gegen dieses Übel gilt es anzukämpfen. Möge dies die erste und letzte ,,Rostige Orchidee" für Villiger sein. Der Firma bleibt ein besseres, sozusagen hochkarätiges Werbebewußtsein zu wünschen, das der von ihr übernommenen gleichermaßen hochkarätigen Traditionsmarke ,,Diamant" gerecht wird. Der Weg zur Besserung mag schon damit beginnen, daß die Firma Villiger künftig überhaupt weiß, was ihre Werbung eigentlich - und das in mehrerlei Sinne des Wortes - jeweils darstellt.
     

    Tilman Kluge, ADFC Bad Homburg, 21. 04. 1999